Warum wir bei unseren Kindern zur Kamera greifen, nicht zum Smartphone
Unsere Bitte, nicht mit dem Smartphone unsere Kinder zu fotografieren, hat nichts mit Misstrauen zu tun, hier erkläre ich, warum es für uns Eltern ein so wichtiges Anliegen ist.
Es ist ein Thema, das uns sehr am Herzen liegt und so facettenreich ist, dass ich im Gespräch selten alle Gedanken unterbringe. Es passiert uns im Alltag immer wieder: Unsere Kinder sind mit anderen in einer Gruppe, bei einer vielleicht besonderen Tätigkeit. Ich verstehe den Reflex der Eltern sehr gut, dann das Smartphone zu zücken, um den Moment festzuhalten. Und trotzdem muss ich bitten, das Fotografieren zu unterlassen.
Ich bin sehr dankbar, dass Eltern bisher immer darauf verzichtet und danach sehr häufig das Gespräch gesucht haben. Genau darum geht es mir mit diesem Beitrag: einmal in Ruhe zu erklären, warum wir das für unsere Kinder für eine gute Wahl halten.
Die Vorsicht gilt nicht den Menschen, sondern dem Smartphone
Mir wird gerne versichert, dass die Bilder rein privat sind, nicht versendet und schon gar nicht veröffentlicht werden. Ich glaube das auch. Unsere Sorge ist kein Misstrauen gegenüber den Menschen. Sie gilt den technischen Prozessen auf dem Gerät. Das Smartphone macht mit einem Bild nämlich sehr viel mehr, als der Mensch, der es hält, beabsichtigt.
Warum „nur privat" auf dem Smartphone kaum möglich ist
1. Das Bild telefoniert nach Hause
Ein Foto wird zusammen mit Umgebungsdaten gespeichert, z. B. wann und wo es gemacht wurde. Künstliche Intelligenz erkennt automatisch Gesichter und „verbessert" das Bild. Und im Hintergrund senden sowohl Android- als auch iOS-Geräte laufend Daten an ihre Hersteller und an Dritte. Diesen Prozessen haben die Nutzer meist über die Nutzungsbedingungen zugestimmt. Für Bilder meiner Kinder haben das aber weder die Fotografierenden noch wir als Sorgeberechtigte getan.
2. Der automatische Upload in die Cloud
Viele Smartphones laden gemachte Bilder direkt in eine Online-Galerie hoch, oft Google Photos. Ist das einmal eingerichtet, lädt das Handy jedes Bild von allein hoch. Vielen ist gar nicht bewusst, dass sie dafür für alle erkennbaren Personen ein Einverständnis brauchen, bei Kindern das der Sorgeberechtigten.
3. Apps mit Zugriff auf die Galerie
Dann sind da die vielen „kostenlosen" Apps, die, wie bei WhatsApp oder Facebook bekannt, auf gezieltes Marketing spezialisiert sind. Sie verlangen fast immer Zugriff auf die Bildergalerie und senden nachweislich regelmässig Daten über das Nutzerverhalten.
4. Und selbst wenn das alles im Griff wäre: „privat" bleibt selten privat
Am Ende werden Bilder eben doch geteilt, z. B. im Familienchat, gerade weil es sich privat anfühlt. Aber ein „privater" Chat läuft über die Plattform, lässt sich weiterleiten und screenshotten und landet auf dem nächsten Gerät, das wieder seine eigenen automatischen Prozesse hat. Auf einem vernetzten Gerät ist „nur privat" keine verlässliche Kategorie.
Unsere Konsequenz: die Kamera statt das Handy
Man könnte jetzt versuchen, all das im Griff zu behalten: bei jedem Foto den Auto-Upload prüfen, App-Berechtigungen entziehen, Metadaten entfernen, nur bewusst teilen. Das ist möglich, aber es hängt jedes Mal daran, dass man an vier Dinge denkt. Genau deshalb haben wir uns für die einfache, verlässliche Variante entschieden: Wir machen keine Handybilder von unseren Kindern. Bei Anlässen fotografieren wir mit einer richtigen Kamera, dadurch werden die Bilder meistens auch schöner.
Für unsere Kinder halten wir das aus mehreren Gründen für eine gute Wahl:
- Es schützt vor einem digitalen Fussabdruck, dem sie nie zugestimmt haben und dessen Ausmass sie noch nicht überblicken können.
- Es macht das Teilen wieder zu einer bewussten Entscheidung statt zu einem automatischen Vorgang.
- Und es ist ein Stück Vorbild: Wir leben vor, dass nicht jeder Moment festgehalten und hochgeladen werden muss, dass Einverständnis zählt.
Ehrlich bleiben: wo diese Entscheidung an Grenzen stösst
Ich möchte das nicht schöner machen, als es ist:
- Auch eine Kamera ist kein Zauberschild. Die Bilder landen später ebenfalls auf einem Rechner oder Smartphone und lassen sich teilen. Der Unterschied ist: kein ständiges automatisches Senden im Hintergrund, kein Auto-Upload in die Cloud, kein App-Zugriff, keine automatische Gesichtserkennung. Das Teilen wird wieder zu einer bewussten Handlung.
- Es löst das Problem mit den Handys der anderen nicht. Es ist unsere Haltung, keine Rundum-Lösung.
- Zum Vorbildgedanken bin ich bewusst zurückhaltend: Dass ein Handy in Elternhand dem Kind direkt schadet, ist wissenschaftlich dünn und uneindeutig belegt. Uns geht es nicht um eine bewiesene Schadwirkung, sondern um die Norm, die wir vorleben.
- Es ist mehr Aufwand und etwas gegen den Strom. Wir halten es trotzdem für richtig, ohne zu behaupten, es sei der einzige richtige Weg.
Fazit
Für uns bleibt es dabei: keine Handybilder von den Kindern, dafür bei Anlässen richtig gute Bilder mit der Kamera. Nicht aus Verzicht, sondern als ruhige, bewusste Entscheidung für die Privatsphäre unserer Kinder. Und wenn uns jemand darauf anspricht, freuen wir uns über das Gespräch.
Quellen
- Was sind Foto-Metadaten? (amateurphotographerguide.com)
- Wie KI still deine Fotos bearbeitet (bbc.com)
- Datenübertragung von Smartphones an Google/Apple (bleepingcomputer.com)
- Ist Google Photos sicher? (proton.me)
- WhatsApp-Datenschutz-Review (mozillafoundation.org)